Der Journalismus braucht eine Lobby!

In den nächsten Monaten werden die Weichen für die Zukunft der Medien in der Schweiz gestellt. Der starke Fokus in der medienpolitischen Diskussion auf die «No-Billag-Initiative» und den Streit zwischen den Medien(-häusern) verstellt leider den Blick auf das eigentliche Problem: Weil die Finanzierung zusammenbricht, geht der Journalismus vor die Hunde, denn im Gegensatz zu Institutionen der Branche und der Politik hat der Journalismus keine Lobby. Deshalb habe ich mir überlegt, welche Medienpolitik und Massnahmen es meiner Ansicht nach bräuchte:

Wichtig: Ich arbeite 50% am MAZ, der Schweizer Journalistenschule. Daneben berate ich selbständig Redaktionen bei der Weiterentwicklung ihrer Organisation sowie ihrer Inhalte. Meine unten formulierte Meinung ist meine persönliche Meinung und widerspiegelt nicht die Haltung des MAZ.

Ich habe ein paar vage Ideen, wie so eine Lobby aussehen könnte. Hat jemand Lust, mit mir darüber nachzudenken? Bitte melden!

 

Wovon ich ausgehe

Wenn ich im Folgenden von Journalismus spreche, dann meine ich Journalismus als gesellschaftliches und demokratierelevantes Gut. Rede ich vom Journalismus als Produkt im Sinn eines Geschäftsmodells, dann erwähne ich das explizit. Spreche ich von Journalismus als Handwerk, führe ich das ebenfalls aus. In der analogen Welt wurden diese Begriffe synonym verwendet, in der digitalisierten Welt ist eine Unterscheidung nötig.

Wir haben erst ansatzweise verstanden, wie disruptiv Digitalisierung wirkt. Wir sind noch nicht (kaum) in der Lage, die Breite und die Tiefe der Folgen abzuschätzen (und schon gar nicht, wie schnell das gehen kann).

In der digitalisierten Welt, in der kaum mehr technische Beschränkungen bei der Produktion / Distribution sowie bei der Nutzung bestehen, gibt es eigentlich nur noch eine Regel: «Form follows function». Aber nicht die internen Funktionen der Medienproduzenten, sondern diejenigen des Publikums.

Mit Journalismus allein wurde auch früher nur ganz selten genug Geld verdient, um die Kosten seiner Herstellung zu decken. Alle bisher funktionierenden Geschäftsmodelle basieren auf einer Bündelung von Journalismus und Werbung. In der analogen Welt hat dieses System, das System der Massenmedien als Gatekeeper, über eine lange Zeit prima funktioniert.

Die Digitalisierung führt zu einer Entbündelung und damit zum Ende der Massenmedien, wie wir sie gekannt haben.

Der analoge Medienmarkt war ein Anbietermarkt. Im Digitalen sitzen die Nachfrager am viel längeren Hebel. Das Publikum kommt nicht mehr zu den Medien, die Medien müssen da hin, wo das Publikum ist.

Die Digitalisierung führt nicht zum Ende des Journalismus und schafft auch die Notwendigkeit für Journalismus nicht ab. Ganz im Gegenteil. Auch in der digitalisierten Gesellschaft sollten demokratierelevante Entscheidungen auf überprüften und verlässlichen Informationen basieren.

Neu wird Journalismus unter anderen Bedingungen und mit anderen Mitteln gemacht.

Die Digitalisierung führt durch die Entbündelung zum Ende des Geschäfts- und damit des Finanzierungsmodells von Massenmedien. Das Publikum holt sich im Netz, was es braucht, wann, wo und wie es will. Und Unternehmen können direkt mit den Kunden kommunizieren.

Die Digitalisierung demokratisiert aber auch das journalistische Handwerkszeug. Durch den Wegfall der technischen Hürden der Herstellung und Distribution kann, wer will, ein potenziell riesiges Publikum erreichen. Das macht aber noch nicht jeden, der publiziert, zum Journalisten im Sinn eines demokratierelevanten Gutes.

Inhalte werden immer mehr auf Plattformen von im Ausland ansässigen Drittanbietern konsumiert (Facebook, Youtube, vor allem in-App).

Von diesen Plattformen Geld zu verlangen ist illusorisch.

Sie auf nationaler Ebene regulieren zu wollen auch.

Die Nutzung solcher Plattformen zu verbieten macht keinen Sinn.

Das Publikum von diesen Plattformen auf die Seite eines Medienhauses zu lotsen funktioniert immer weniger gut («the homepage is dead!»).

Die Zahlungsbereitschaft bröckelt weiter.

Die wenigen Zahlungswilligen vermögen die Kosten nicht zu decken, dafür ist der Markt in der Schweiz viel zu klein (und es fehlen vor allem immer noch einfache Micropayment-Möglichkeiten). Für lokale und regionale Medien in der Schweiz sind Paywalls keine Alternative.

Kommt dazu: Medien-Inhalte sind Vertrauensgüter. Im Gegensatz zu einer Lindorkugel wissen wir erst im Nachhinein, ob es sich gelohnt hat, den Artikel zu kaufen. Das senkt die Zahlungsbereitschaft weiter, vor allem, weil genügend gratis Alternativen im Netz zu finden sind.

Das Modell, mit Reichweite Geld zu verdienen, funktioniert in der Schweiz nicht, dafür ist der Markt zu klein.

Ein auf Klick-Volumen optimierter Journalismus ist im besten Fall gutes Infotainment, im schlechteren kein Journalismus.

Es gibt also in einem kleinen Land wie der Schweiz in der digitalisierten Welt für demokratie-relevanten Journalismus keinen Markt und es kann damit kein funktionierendes Geschäfts- und damit kein auf Marktmechanismen basierendes Finanzierungsmodell geben.

Natürlich wird es immer Nischenprodukte geben, die ein zahlkräftiges Publikum finden. Es wird deshalb, davon bin ich fest überzeugt, auch immer Zeitungen geben.

Für das demokratie-relevante Schwarzbrot (z.B. Behörden auf die Finger schauen, etc.) werden User nie (kaum) genug zahlen, um die Kosten zu decken zu können. Die Erlöse aus der Werbung vermögen die Lücke nicht zu füllen.

Neue Finanzierungsmodelle wie Native Advertising bieten grosses Potenzial, die Glaubwürdigkeit der Medien zu untergraben.

Mit Journalismus, der den Namen verdient, lässt sich in der Schweiz kaum Geld verdienen. Demokratie-relevanter Journalismus (also Service Public) bekommt in der digitalen Welt den Charakter eines öffentlichen Gutes, das per Definition von Marktversagen geprägt ist.

Journalismus sollte deshalb weniger als Produkt angeschaut werden sondern als Dienstleistung (Service Public).

Die etablierten Verlage verwalten im Wesentlichen den Niedergang eines für sie immer noch lohnenden Geschäftsmodells.

Sie verhalten sich damit je nach finanzieller Lage kurz- und mittelfristig durchaus rational. Sie haben, da die Geschäftsmodelle fehlen, wenig Anreiz, den Journalismus ins digitale Zeitalter zu retten.

Insbesondere auf lokaler und regionaler Ebene gibt es wenig digitale Initiativen, dies vor allem, weil die Investitionen in IT für kleine Redaktionen zu hoch sind.

Auch die grossen Medienhäuser sind (bis auf wenige Ausnahmen) nicht gewillt, in den Journalismus zu investieren und ihn ins digitale Zeitalter zu übersetzen (insb. an die neuen Mediennutzungsgewohnheiten).

In der Zwischenzeit gewöhnen sich ganze Generationen ein Medienverhalten an, das zu einem erheblichen Teil ohne journalistische Inhalte auskommt.

Auch die SRG legt eine Behäbigkeit an den Tag. Das Angebot hält nicht mit der Mediennutzung Schritt. Dies hat sicher auch mit politischen Fragen zu tun (z.B. wie aktiv darf die SRG online sein?), aber auch mit Sicherung von Pfründen.

Digitale Kanäle werden von allen Medienhäusern als zusätzliche Distributionskanäle von bereits bestehenden (und allenfalls leicht angepassten) Inhalten genutzt. Das ist mag aus Sicht des Produzenten effizient sein, für das Publikum ist es wenig attraktiv.

Neue Produktions- und Distributionsmethoden werden bislang vor allem aus Effizienzgründen (einmal produzierter Content kann billig weiterverbreitet werden) eingesetzt und nicht, um digital sinnvollen Journalismus zu ermöglichen.

Da Medienunternehmen mit ganz wenigen Ausnahmen auch keine eigene Forschungs- und Entwicklungsabteilungen haben, gibt es auch kaum jemanden, der den Journalismus mit den digitalen Möglichkeiten neu erfindet (Formate, Zugänge, andere Erzählweisen und insbesondere Interaktion).

Innovation wird als Kostenfaktor angeschaut, nicht als Investition.

Anders als in anderen Branchen, wo Aus- und Weiterbildung wichtige Impulse für die Entwicklung der Branche geben können, ist das im Journalismus kaum der Fall. Die Bereitschaft auszubilden sinkt, die Weiterbildung ist auch unter Druck.

 

Was für eine Medienpolitik?

Weil mit demokratie-relevantem Journalismus in der Schweiz kaum Geld verdient werden kann, gilt:

Schluss 1: Es braucht einen starken Service Public. Aber anders als bisher (siehe dazu 3. Meine Vision für einen Service Public).

Weil wir mittel- bis langfristig weder die technische Entwicklung, noch die Geschwindigkeit und schon gar nicht den Einfluss technologischer Neuerungen auf das Nutzerverhalten vorhersagen können, gilt:

Schluss 2: Eine Medienpolitik und der Service Public müssen konsequent vom Publikum her gedacht und aufgesetzt werden.

DAS Publikum gibt es allerdings nicht mehr. Unterschiedliche Personen haben unterschiedliche Nutzungsmuster.

Schluss 3: Eine Medienpolitik und der Service Public haben die Grundversorgung der Menschen in der Schweiz mit demokratie-relevanten Inhalten zum Ziel.

Über welche Kanäle das Publikum Informationen zu sich nehmen wird, können wir nicht nur nicht voraussagen, wir können es auch nicht beeinflussen. Und: Es geht uns meiner Meinung nach auch nichts an. Solange es Leute gibt, die TV schauen wollen, soll es Service Public am TV geben. So lange es Leute gibt, die Zeitung lesen wollen, sollen sie gedruckten Service Public lesen können. Wenn es Leute gibt, die lieber online konsumieren, dann sollen sie Service Public online bekommen können – oder über einen noch gar nicht denkbaren Kanal.

Schluss 4: Eine neue Medienpolitik begrenzt die möglichen Erscheinungsformen von Service Public nicht in einer abschliessenden Aufzählung von Publikationskanälen.
Schluss 5: Einer neue Medienpolitik liegt eine Definition des Service Public zugrunde, der nicht bei der guten Absicht ansetzt. Also nicht: Wurde ein Service-Public-Inhalt publiziert? Sondern: Hat er sein Publikum gefunden? 

Das klingt abenteuerlich. Es ist aber wichtig, sonst bekommen wir ein System wie in den USA, wo nur ein ganz kleiner, dem Service Public aufgeschlossener Teil des Publikums, die Angebote nutzt.

Dieser Ansatz müsste meiner Meinung nach auch Auswirkungen haben, wie Qualität gemessen wird: Bis jetzt liegt der Fokus noch viel zu sehr auf dem gebündelten Medienprodukt (was steht alles in einer Zeitung, was geht in einer Sendung über den Äther). Immer mehr Leute konsumieren Informationen entbündelt und in völlig unterschiedlichen Kombinationen. Es wäre also notwendig, Qualität nicht nur dort zu messen, wo sie abgeschickt wird, sondern auch dort, wo sie ankommt (ankommen soll).

Noch sind hohe Produktionskosten für Radio und TV eine grosse Hürde und sprechen für eine Finanzierung von Radio und TV. Eher früher als später werden aber auch Zeitungen Probleme bekommen. Nicht nur aufgrund des Anzeigenschwunds. Da sinkende Leserzahlen die Grenzkosten überproportional ansteigen lassen, dürfte sich die Krise der gedruckten Presse noch akzentuieren. Was in der Diskussion um Finanzierung oft vergessen geht: Online zu publizieren ist zwar relativ billig, aber für lokale und regionale Medien trotzdem viel zu teuer.

Schluss 6: Finanzierung aus Service-Public-Mitteln muss allen zugute kommen, die Service-Public sicherstellen.

Ich mache mich allerdings für eine sehr enge Definition von Service Public stark. Weil immer mehr Inhalte über Plattformen ausserhalb vom Medienhäusern zum Publikum gelangen, wird die Notwendigkeit mehr und mehr wegfallen, das Publikum mit Unterhaltung zu relevanten Informationen zu lotsen. Service Public soll eine Grundversorgung bieten, die alle nutzen können.

Schluss 7: Da alle Zugriff auf Service Public haben, zahlen alle gleichermassen. 

Guter Service Public definiert sich nicht nur über die Themen, sondern auch über eine für das Publikum attraktive Umsetzung, die gerade für die digitalen Kanäle in vielen Fällen noch entwickelt werden muss. Die allermeisten Medienhäuser verfügen über keine eigene Forschungs- und Entwicklungsabteilung. Das ist meiner Meinung nach mit ein Grund, warum sich die Branche mit den Veränderungen so schwer tut.

Schluss 8: Eine neue Medienpolitik umfasst den Auftrag, zu forschen und zu entwickeln. 

Die schwierige ökonomische Lage führt auch zu weniger finanziellen Mitteln für Aus- und Weiterbildung. Es fehlt aber auch immer öfter die Zeit, da keiner da ist, der die anfallende Arbeit übernehmen kann.

Schluss 9: Eine neue Medienpolitik schafft Anreize für gute Aus- und regelmässige Weiterbildungen und stellt finanzielle Mittel zur Verfügung (siehe dazu mehr unten).

Und zu guter Letzt: Weil wir uns nicht vorstellen können, was noch alles auf uns zukommen wird, muss eine neue Medienpolitik nicht den jetzigen Wissensstand abbilden, sondern gute Lösungen in der Zukunft im Sinn eines guten Service Public ermöglichen, die wir uns noch gar nicht denken können. Sonst ist eine neue Politik Makulatur, bevor sie in Kraft getreten ist.

Schluss 10: Eine neue Medienpolitik ist auf funktionierende Prozesse ausgerichtet, die auf Veränderungen reagieren können. Strukturen sind dazu da, Prozesse so reibungslos wie möglich zu organisieren und zu überwachen.

 

Was für ein Service Public?

Ich plädiere dafür, nicht mehr, nur Kanäle/Produktionstechnologien zu finanzieren, sondern:

  • Inhalte
  • Infrastruktur
  • Aus- und Weiterbildung

Inhalte:

Ich schlage eine Grundversorgung vor mit textbasierten (à la SDA) sowie audio-visuellen Service-Public-Inhalten (à la SRG, inkl. online-tauglichem Material), das all jene nutzen können, die sich an vorab zu formulierende Mindeststandards halten (insb. auch, was die Veränderung des Materials angeht). Mit «alle» meine ich nicht nur etablierte Medienhäuser, sondern z.B. auch Blogger.

Dazu sollen all jene unterstützt werden, die Public-Service-Inhalte erstellen (insbesondere auf der lokalen, resp. regionalen Ebene).

Infrastruktur:

Zur inhaltlichen Grundversorgung kommt ein weiterer Pfeiler: eine Online-Publikations-/Distributionsinfrastruktur, die von einer unabhängigen Institution betrieben wird (z.B. von einem Verein, bei dem jeder Mitglied ist, der seinen Service-Public-Beitrag zahlt).

  • Ich stelle mir ein CMS vor, das allen Produzenten von Inhalten zur Verfügung gestellt wird, die den Anforderungen einer Leistungsvereinbarung genügen (Themenbreite, Thementiefe, Transparenz darüber, wer dahinter steht). Das würde insbesondere kleinen Medien helfen, die heute die Investitionen in IT nicht stemmen können und würde die Vielfalt auf lokaler und regionaler Ebene vergrössern.
  • Das CMS wird mit Service-Public-Geldern immer auf dem neusten Stand gehalten und ist open-source.
  • Inhalte dieser Plattform sind mit einem Logozusatz versehen, der auch bei einer Publikation auf Drittplattformen (insb. Social Media) klar ersichtlich ist.
  • Integraler Bestandteil ist die schnelle und transparente Möglichkeit, Fehler zu melden / Darstellungen zu beanstanden. Eventuelle Versionen sind jederzeit einsehbar.
  • Die Beschwerdeinstanz schaltet sich bei Diskussionen viel früher ein und interagiert wie die Journalisten auch mit dem Publikum.

Aus- und Weiterbildung

Bei diesem Punkt möchte ich etwas ausholen, weil er mich sehr beschäftigt. Noch gibt es genügend junge Menschen, die «etwas mit Medien» machen wollen. Allerdings hören wir am MAZ seit zwei Jahren immer öfters von Medienhäusern, dass sowohl die Zahl als auch die Qualität der Bewerberinnen und Bewerber für Ausbildungsplätze (Volontariate) zurück geht.

Vielleicht ist das eine «konjunkturelle» Delle, die nächsten Jahre werden es zeigen. Ich glaube es nicht, von mir aus gesehen ist das ein strukturelles Problem.

Ich führe persönlich viele Gespräche mit jungen Menschen, die sich überlegen, in den Beruf einzusteigen. Vielen von ihnen fehlen aber sowohl Perspektive wie auch Sicherheit. Gerade für Bewerberinnen und Bewerber mit einem begehrten Studienabschluss wie etwa Wirtschaft oder Recht gibt es viele spannende Alternativen.

Nun kann man das natürlich auf die Generation Y abschieben, die zu sehr auf Stabilität aus sei, wie ich das oft höre. Das Problem, dass zu wenig guter Nachwuchs in den Beruf drängt, wird davon nicht kleiner. Und ganz Unrecht haben die Jungen mit ihrer Kritik an der Branche ja auch nicht…

Auch auf der Seite der Ausbildungsplätze gibt es Veränderungen: Dass Grosse kaum selber ausbilden, ist nichts Neues. Sie holen sich ihren Nachwuchs von den lokalen und regionalen Medien. Auch die SRG bezieht einen erheblichen Teil ihrer Leute von den privaten Medien, denen sie allerdings ein breites Aus- und Weiterbildungsangebot bieten.

Seit diese nun auch immer weniger kleine Redaktionen selber ausbilden, wird es immer enger. Beim Wirtschaftsjournalismus zeigt sich diese Knappheit seit längerem, der Markt ist total ausgetrocknet und die Redaktionen werben sich die Leute gegenseitig ab.

Qualifiziertes Personal wird immer öfters mit Praktikantinnen und Praktikanten ersetzt. In der Hoffnung, dann doch mal noch einen begehrten Ausbildungsplatz oder eine Festanstellung zu ergattern, nehmen junge Leute schlechte Arbeitsbedingungen in Kauf. Hier spart die Branche auf dem Buckel hoch motivierter junger Menschen. Kurzfristig mag die Rechnung aufgehen, mittel- bis langfristig schadet das.

Was mich (und jetzt kommt meine ganz persönliche Meinung!) viel mehr beschäftigt: Ich glaube je länger desto mehr, dass über das bestehende System nicht die wirklich geeigneten Leute in den Beruf kommen.

Aus zwei Gründen:

  • Redaktionen sind mittlerweile personell so dünn besetzt, dass sie fast nur noch Leute einstellen, die perfekt in das bestehende System passen. Sie stellen also eher strukturkonservativ eingestellte Praktikantinnen und Praktikanten resp. Volontärinnen und Volontäre ein, was der Innovation auf den Redaktionen nicht förderlich ist. Das sehen wir am MAZ bei den Aufnahmegesprächen, wo ein Grossteil der von den Redaktionen vorselektionierten Bewerberinnen und Bewerber uns sagt, ihr Traum sei es, grosse Reportagen in Print-Magazinen zu schreiben (die sie aber selber kaum abonniert haben und online lesen).
  • Das alte Modell, bei dem Redaktionen die happigen Kosten einer MAZ-Diplom-Ausbildung (je nach Wohnkanton zwischen rund 15 000 und 30 000 Franken) tragen, wird immer mehr ausgehöhlt. Das bedeutet, wir haben immer öfters Studierende, die es sich leisten können / wollen (oder ihre Eltern). Das schränkt die Auswahl ein und zementiert das Problem der mangelnden Diversität auf Redaktionen weiter. Das ist an der ZHaW in Winterthur und an der Universität Neuchâtel sicher anders.

Weiterbildung: Wir sehen am MAZ, dass den Redaktionen zusehends die Ressourcen fehlen, um Leute in die Weiterbildung zu schicken. Dabei sind die Finanzen nur ein Teil. Die Zeit ist fast noch wichtiger. Das äussert sich auf zwei Arten:

  • Wir werden oft aufgefordert, Weiterbildungen anzubieten zu zukunftsweisenden Themen, z.B. Weiterbildung für Führungsleute, die multimediale Produktion verantworten oder Web-Video-Kurse. Unsere Umfragen zeigen ein riesiges Bedürfnis, die Feedbacks auf die Kurskonzepte, die wir vor der Ausschreibung abholen, sind super. Und dann melden sich nur ganz wenige an, oft nicht aus den Häusern, die Druck gemacht haben. Die Antwort ist dann immer die selbe: «Wir sind so dünn besetzt, da kann nicht einer einfach fehlen.»
  • Wir haben fast bei jedem Kurs no-shows, die am Tag des Kurses selber absagen (und damit den vollen Kurspreis zahlen müssen), weil sie kurzfristig auf der Redaktion gebraucht werden. Dieses Phänomen hat massiv zugenommen.

Was bedeutet das für den Service Public? Ich finde es sehr wichtig, so viele Einstiegsmöglichkeiten in den Journalismus zu bieten, wie nur möglich. Insbesondere ist es zentral, auch nicht-akademische Zugänge zu bieten, weil wir sonst einen erheblichen Teil potenzieller Kandidatinnen und Kandidaten verlieren, was die Diversität entscheidend verringern würde.

Meine Favoriten:

  • Verlage, die Journalistinnen und Journalisten aus- und weiterbilden, bekommen pro Auszubildenden einen Ausbildungsgutschein, den sie dann an einer Institution, die Journalisten ausbildet, einlösen können. Es fliessen also keine Gelder an die Verlage. Nutzen die Verlage die Gutscheine nicht, wird der Topf im Folgejahr um den Betrag grösser.
  • Wird ein Journalist, eine Journalistin abgeworben, bevor die Aus- oder Weiterbildungskosten abgeschrieben sind, muss der neue Arbeitgeber diese übernehmen (als eine Art Transferzahlung).

 

Und noch was

Wenn Google oder Facebook am Algorithmus herumschrauben, hat das einen riesigen Einfluss auf die Informiertheit mehrerer Generationen – auch in der Schweiz. Da stellt sich mir die Frage, wie weit eine Medienpolitik auf nationaler Ebene überhaupt die Versorgung mit Service Public gewährleisten kann. Ich finde, da müsste man ganz, ganz gross denken: Die Dienstleistungen, die Facebook oder Twitter bringen, müssten eigentlich von einer internationalen Organisation zur Verfügung gestellt werden. Mit Algorithmen, die transparent sind und zum Beispiel Nutzungsrechten, die nicht abgetreten werden müssen. Wir sind doch so stolz auf unsere direkte Demokratie. Könnte die Schweiz da nicht eine Vorreiterrolle übernehmen und so etwas auf dem internationalen Parkett lancieren? Ich wäre dabei ;–)

Kommentare

6 thoughts on “Der Journalismus braucht eine Lobby!”

  1. Sehr geehrte Frau Alexandra Stark,
    Herzlichen Dank für diese übersichtliche und gut strukturierte Darstellung der Problemlage und der Lösungsansätze.
    Als Sozialwissenschafter vermisse ich in den digitalen Medien immer mehr die Quellenangaben, Referenzen oder andere Angaben, welche mir die Kontrolle der Richtigkeit von Informationen, Fakten oder Behauptungen ermöglichen. Jeder kann in Social Media irgend etwas ungeprüft in die Welt setzen und dies wird scheinbar immer mehr von politischen Kampagnenleitern missbraucht.
    Was ich am professionellen Jounalismus schätze und auch in Zukunft erwarte, ist Ethik und Transparenz. Bei kontroversen Themen oder Gegenüberstellungen von Meinungen schätzte ich den “Faktencheck”. Wie sehen sie, dass diese Qualitätskontrolle der informationen in Zukunft gewährleistet werden kann?

    1. Lieber Herr Braun
      Vielen Dank für Ihren Kommentar. Das mit den Quellen ist wirklich ein riesiges Problem. Ich teile Ihre Meinung, dass Ethik und Transparenz professionellen Journalismus ausmachen. Ohne verlieren wir unsere Daseinsberechtigung. Wollen wir also eine Zukunft haben, müssen wir das noch viel besser beherzigen. Online wäre das ja auch nicht schwierig, Quellen lassen sich ganz einfach verlinken, Beweggründe anmerken, etc., sogar ohne dass der Lesefluss gestört wird. Wie mehr Transparenz bewerkstelligt werden kann? Ich sehe verschiedene Ansätze, die komplementär sind. Wir Journalistinnen und Journalisten müssen Transparenz herstellen und Quellen sowie Beweggründe nennen. Es ist eine Bringschuld von uns, dass unserer Fakten stimmen, also gehört eigentlich auch ein Faktencheck dazu (im Sinn, dass wir offenlegen, worauf wir uns warum abstützen). Journalistinnen und Journalisten müssen zudem den Austausch mit dem Publikum pflegen und bereit sein, die Wahl von Quellen (und das Weglassen) zu begründen. Ich finde aber auch, dass es eine Holschuld des Publikums gibt. Deshalb muss das Publikum dringend in Quellenkritik geschult werden, damit es nicht jeden Blödsinn teilt, nur weil er gut klingt. Ich verlange nicht, dass jede und jeder Quellen prüft, aber dass das Publikum vielleicht beim Autoren oder der Autorin klärende Infos einfordert, bevor sie oder er etwas teilt. Am MAZ, wo ich ja als Studienleiterin arbeite, haben wir übrigens die Kurse in Medienethik und Umgang mit dem Publikum verstärkt, genau aus den von Ihnen genannten Gründen. Im Alltag sieht es dann immer wieder anders aus 😉 Und wir bauen ein Angebot für Lehrpersonen auf, damit sie ihren Schülerinnen und Schülern helfen können, einen kompetenteren Umgang mit Medien zu bekommen.
      Herzliche Grüsse, Ihre Alexandra Stark

      1. Sehr interessante Ansicht! Solange aber nichts Konkretes geschieht, muss ich die unsegliche und teure Billag bezahlen, obwohl ich sie kaum nütze. Meine aktuelle Haltung: Ich bezahle und lese freiwillig guten und vor allem unabhängigen Journalismus. Z.b. mit “Perspective daily.de” oder ab 2018 mit “Die Republik.ch”.

        1. Liebe Paola, danke für Ihren Kommentar. Ich bin ganz Ihrer Meinung: Weil alle für Service Public bezahlen, sollen auch alle etwas davon haben. Allerdings bin ich überzeugt, dass es Service Public braucht, gerade auch auf regionaler und lokaler Ebene, also dort, wo Medien wie die «Republik» mit grosser Wahrscheinlichkeit nur dann hinschauen, wenn ein Thema nationale Relevanz hat.

  2. Liebe Alexandra. Ich teile Deine Analyse vollumfänglich. Mich wundert, wie lange es gedauert hat, bis eine Journalistin diese Zusammenhänge einmal sauber auseinander dröselt. Nur in einem Punkt bist Du befangen, was Du ja auch schreibst – eben bei der Ausbildung. Du arbeitest für eine Schule, das MAZ, das mindestens in Teilen von den Verlagen finanziert wird, die sich jetzt zunehmend vom Journalismus als gesellschaftlichem und demokratierelevantem Gut abwenden, weil sie nach neuen Geschäftsmodellen suchen müssen. Warum erwähnst Du aber den Joint Degree Studiengang Multimedia Production der HTW Chur und der Berner Fachhochschule nicht? Ich leite diesen Studiengang und wir bilden hier Studierende in Journalismus aus. Alle lernen das Handwerk des Journalismus. Und ein Teil vertieft dann in Journalismus, verstanden als gesellschaftliches und demokratierelevantes Gut. Und dabei entstehen auch journalistische Produkte. Multimediale journalistische Produkte.

    1. Lieber Ruedi, bei dem Abschnitt ging es um Diversity und nicht darum, wer alles Journalisten ausbildet. Winterthur und Neuchatel nenne ich deshalb explizit, weil die grosse Mengen an Abgängern über eine lange Zeit produziert haben. Deshalb dürfte es meiner Meinung nach in Sachen Diversität dort anders aussehen. Verstehst du, was ich meine?

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