23.04.2019

So planst du eine multimediale Geschichte – eine Anleitung in 13 Schritten

1. Denk in Geschichten. Und nicht in Kanälen.

In einem ersten Schritt macht es Sinn, nur in Geschichten zu denken. Stell dir also die Frage, welche Geschichte du erzählen möchtest. Und frag dich auch gleich, warum du diese Geschichte erzählen willst. Die Antwort auf das «Warum?» gibt die Hinweise darauf, wie du deine Geschichte erzählen kannst.

2. Nutze dein Vorwissen zu Storytelling.

Alles, was grundsätzlich beim Storytelling gilt, gilt auch Online. Mit einer Ausnahme: Online müssen wir mehr Leserführung bieten, da die Userinnen und User – anders als z.B. im Print – nicht wissen, was sie alles erwartet.

Wer sich mit Storytelling allgemein beschäftigen will, dem empfehle ich das Buch «Storytelling für Journalisten» von Marie Lampert und Rolf Wespe.

3. Mach dir das Rezept für Journalismus im Digitalen – «Form follows function» – zu nutze.

Finde heraus, welchen Teil der Geschichte du am besten mit welchem multimedialen Element erzählst.

Dazu haben wir am MAZ ein Tool entwickelt. Zur Anleitung, wie du es nutzt, geht es hier lang.

4. Erfinde eigene multimediale Formate

Es gibt bislang keine abschliessende Aufzählung aller möglichen multimedialen Formen. Aber ein Rezept:

Brich mit althergebrachte Regeln.

Was zum Beispiel ist ein gutes Video? Ein Beitrag, wie er im Fernsehen läuft (und sehr aufwändig zu machen ist)? Oder einfach ein «Zitat» das im Text eingebettet ist? Lote auch hier die Grenzen aus. Aber Achtung: nicht die technischen, sondern die journalistischen.

«Erfinde» neue Formate.

Die Digitalisierung macht es möglich, Inhalte in verschiedenen Kombinationen zusammenzubauen. Erlaubt ist alles, was auf das journalistische Ziel einzahlt. Warum nicht Fotos in Videos einbauen, die viel schneller gemacht sind als gefilmte Schnittbilder? Warum nicht ein trockenes Thema als interaktives Quiz erzählen (das Template kann immer wieder verwendet werden)?

Verdichte gekonnt.

Gerade bei grossen Geschichten lohnt es sich, Ressourcen in die Suche der richtigen Form zu investieren, weil bei der Umsetzung viel Zeit gespart werden kann. Das gilt vor allem bei komplexen Themen.

Die wohl grösste Herausforderung heute ist, dass die Aufmerksamkeitsspanne unseres Publikums immer kürzer wird. Wer auf ein Handydisplay schaut, hat viel weniger Zeit zur Verfügung als einer, der entspannt auf dem Sofa auf sein Tablett schaut oder Zeitung liest und ist tendenziell für lange Stücke verloren. «Verdichtung» heisst der Schlüssel oder anders gefragt: «Was darf ich als Leserin/Leser zum Thema alles NICHT wissen?». Auch hier sind die neuen Erzählformen noch nicht fertig erfunden.

5. Reduziere die multimedialen Elemente und plane den Verzicht verbindlich mit.

Nicht nur wir Journalistinnen und Journalisten kommen beim multimedialen Produzieren ressourcenmässig an unsere Grenzen. Wir riskieren auch, unserer Userinnen und User zu überfordern. In den meisten Fällen macht es also Sinn, die Umsetzung zu vereinfachen.

Dabei musst du abwägen: Für wen soll die Umsetzung sinnvoll sein? Für dich oder für das Publikum? Auf den ersten Blick scheint das eine absurde Frage, aber viele Redaktionen stellen sich diese Fragen nicht und optimieren ihren Output entlang interner Ressourcen und nicht an den Bedürfnissen des Publikums.

Hier ein paar Fragen, die helfen, die richtige Entscheidung zu treffen. Selektiere im Sinn:

  1. des Zielpublikums (wie spät ist es, wie viel Zeit hat unser Publikum, welches Interface/Bildschirmgrösse steht zur Verfügung)
  2. des Inhalts (was ist zentral)
  3. der Verständlichkeit
  4. des Mediums
  5. der Usability (ist klar / logisch aufgebaut, Orientierung ist überall einfach möglich, wiedererkennbare Elemente / Routinen sind erkennbar, lädt schnell, funktioniert technisch einwandfrei
  6. der Ressourcen

6. Überleg dir, ob dieses Element auch in einem anderen / späteren Kontext oder einem anderen Kanal noch eingesetzt werden kann.

Das ist besonders bei aufwendigeren Elementen oder wenn du crossmedial arbeitest wichtig. Diese Überlegungen helfen dir auch, wenn du mit deinem Chef, deiner Chefin über Ressourcen feilschen musst!

7. Bestimme den genauen Inhalt der einzelnen Elemente.

Deine Geschichte braucht also eine Karte, ein Foto und ein Video? Gut! Aber: welchen Ausschnitt wählst du für deine Karte genau? Was ist auf dem Foto alles zu sehen? Und was genau zeigst du im Video?

Um beim Beispiel des Alpaufzugs zu bleiben:

Umsetzung: Foto
Inhalt: Close-up-Porträt
Funktion: Der User soll sehen, wie jemand aussieht, der sechzig Sommer auf der Alp verbracht hat.

Umsetzung: Audio
Inhalt: Glockengebimmel beim Marschieren
Funktion: Die Atmosphäre des fast schon hypnotisierenden Gebimmels vermitteln.

Folgende Fragen können helfen:

  • Worum geht es? Schaufle den Kern frei und formuliere eine Aussage mit einem starken Verb und ohne Nebensatz.
  • Was genau interessiert den User, die Userin? Nimm die Aussenperspektive ein.
  • Was darf der User, die Userin alles nicht wissen? Priorisiere, priorisiere, priorisiere.

Diese Arbeit ist extrem wichtig, weil sie dir zeigt, was du alles noch organisieren musst (Genehmigungen, Schauplätze, Infrastruktur, etc.) und wie du deine Protagonisten briefen musst (dass sie mehr Zeit haben müssen, dass sie etwas Bestimmtes mitbringen sollen, etc.).

Diese genaue Erarbeitung ist auch aus einem weiteren Grund wichtig: Falls du Unterstützung von anderer Seite brauchst in einem Team arbeitest, kannst du deine Kolleginnen und Kollegen besser briefen.

Stell sicher, dass für die Geschichte zentrale Umsetzungen auch wirklich klappen (z.B. dass die Protagonisten einverstanden sind, dass du sie filmst).

8. Schreib / mal auf, wie deine Geschichte aussehen soll.

Manchen hilft es, ihre Geschichte aufzuzeichnen. Dazu eignen sich etwa Flipcharts. Wer es lieber digital mag, dem seien Evernote (Onenote) oder auch Powerpoint empfohlen.

9. Plan deine Recherche

Stell dir vor, du stehst mit einem alten Bauern im Stall, er erzählt dir von seinen ersten Alpaufzügen, während seine Enkel noch einmal kontrollieren, ob die Blumengestecke gut sitzen. Plötzlich dann das Signal: Es geht los! Als Print-Journalistin oder -Journalist kannst du dich mittreiben lassen. Mit Buchstaben lässt sich alles auch später rekonstruieren. Für das Video mit den Vorbereitungsarbeiten und die Fotos bist du aber zu spät.

Beim multimedialen Arbeiten ist deshalb eine minutiöse Planung aus drei Gründen unumgänglich:

  1. Damit du sicher genügend und das richtige Material zurückbringst.
  2. Damit du weisst, was du wann machen musst und was wie viel Zeit braucht (nicht nur bei der Recherche, sondern auch bei der Umsetzung).
  3. Damit du die richtigen Tools und die richtige Infrastruktur zur Verfügung hast.

Ganz wichtig: Leg schon im Vorfeld fest, auf welche Inhalte und Formate du verzichten möchtest. Das gibt dir Zeit, sich auf das Wesentliche zu fokussieren.

Natürlich ist ein Plan da, um über den Haufen geworfen zu werden, falls noch etwas besseres passiert. Die Erfahrung zeigt aber, dass das oft nicht der Fall ist. Deshalb lohnt sich Planung eben doch.

10. Stell sicher, dass die zentralen Elemente deiner Geschichte auch umsetzbar sind.

Bestimme früh, welche Elemente ein Must-have sind und ohne die deine Geschichte so nicht funktioniert (z.B.: gibt es Protagonisten, die bei Videos nicht mitmachen wollen).

11. Hole dir, fass du die Inhalte nicht selber machen kannst, so früh wie möglich Leute ins Boot.

Dies gilt insbesondere für vielbeschäftigte Kolleginnen und Kollegen z.B. von der Grafikabteilung, die nicht kurzfristig liefern können.

12. Nutze vorhandenes Material besser (insb. auch bereits vorhandene multimediale Elemente).

Der Fokus von Redaktionen liegt bislang online ganz eindeutig beim schnellen Publizieren. Was Medienhäuser aber vom Rest des Netzes  unterscheidet, ist das verlässliche Wissen, das über eine lange Zeit nachvollziehbar und glaubwürdig erarbeitet wurde. Für Themen, die für das Medium zentral sind, lohnt es sich deshalb, bereits Publiziertes zu bündeln. So bleibt aufwändig Produziertes länger auffindbar und das Verhältnis von Aufwand und Ertrag fällt besser aus.

Es gibt oft hervorragendes Material, auf das du zurückgreifen kannst. Im hauseigenen Archiv etwa, bei Institutionen oder Unternehmen. Es lohnt sich, früh darüber nachzudenken, wer Material haben könnte, denn oft muss es noch zusammengesucht oder sogar digitalisiert werden. Und das dauert.

Eigenes Material: Warum werden Fotos der eigenen Fotografen allerhöchstens in lieblose Bildstrecken verpackt statt – falls das Thema geeignet ist – die Geschichte online über Bilder mit längeren Bildlegenden zu erzählen? Oder digitale Inhalte: Strukturierte Interviews mit Politikerinnen und Politikern, die zur Wahl stehen, kann man in ein Porträt einbinden, einzelne Aussagen zu einem Sachthema als Zitate in einer sachspezifischen Geschichte bringen.

Fremdes Material: Die Fülle an Material ist heute unerschöpflich. Unternehmen etwa verfügen über Bilder, Wissenschaftler über Daten und Visualisierungen, Institutionen über Zahlen. Das Beschaffen braucht oft auf der Seite derjenigen Zeit, die das Material zur Verfügung stellen. Auch das Abklären der Rechte dauert oft länger. Es lohnt sich aber, weil Ressourcen für anderes verwendet werden können. Nicht vergessen: Fremdmaterial als solches kennzeichnen!

Achtung beim Einsatz von Fremdmaterial:

  • Qualität: Bist du sicher, dass du nicht instrumentalisiert wirst?
  • Deklaration: Immer deklarieren, woher das Material stammt.
  • Rechte: Hast du die Rechte, dieses Material zu brauchen?

13. Bewirtschafte Vorhandenes (besser)

Das Verhältnis von Aufwand und Ertrag multimedialer Inhalte stimmt deshalb oft nicht, weil sie einmalig eingesetzt werden. Es lohnt sich also zu überlegen, ob die Umsetzung nicht regelmässig aktualisiert werden kann (z.B. bei neuen Zahlen) oder das entwickelte Template z.B. in anderen Ressorts eingesetzt werden kann.

  • Zuständigkeiten definieren
  • Einträge ins Planungstool machen
  • Metadaten nutzen

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