«Tut euch diesen Beruf nicht an!»

«Tut euch diesen Beruf nicht an!» sagte der Zeitungsforscher Horst Röper vom Dortmunder Formatt-Institut an einer Veranstaltung der Deutschen Journalisten-Union und riet jungen Leuten davon ab, Journalist zu werden. Liest man die Antworten auf ein Interview, das Medienportal MEEDIA darauf hin mit ihm führte, wird klar: Für Röper ist der Journalist Opfer widriger Umstände, für die er nichts kann und denen er erbarmungslos ausgesetzt ist.

Der Journalist, die Journalistin: das Opfer. Der Journalist, die Journalistin: Spielball abstrakter Marktkräfte? So zumindest lesen sich die Begründungen von Röper, im Interview mit MEEDIA (kursiv von mir):

«(…). Wir haben immer mehr Funktionskopplungen (…). Wir haben ein immer stärker verdichtetes Arbeitsfeld. Und wir haben ein sehr ausgedünntes Berufsfeld (…)»

Wie konnte das nur passieren?

«Klar hat das auch mit der Digitalisierung zu tun. Im Grunde hat diese Tendenz aber schon früher begonnen, nämlich Anfang der 80er Jahre mit der Elektronisierung der Produktion im Journalismus. Damals sind ganze Berufssparten, die den Journalisten zu- oder nachgearbeitet haben, weggefallen. (…) Später kam dann die Mehrfachverwertung von journalistischen Produkten über neue Transportwege hinzu, vor allem natürlich durch das Internet. Heute kommen mobile Anwendungen wie Apps dazu. Damit ist der so genannte Echtzeit-Journalismus aufgekommen, der nichts anderes bedeutet als extremer Aktualitätsdruck.»

Die Substantive (statt Verben) und die passiven (statt aktiven) Formulierungen im Absatz oben zeigen das Problem der Medien sehr schön: Es ist ihnen geschehen. Und es geschieht ihnen recht: All das oben Beschriebene sind Entwicklungen, die das Verbreiten von Informationen und das Kommunizieren – journalistische Kernkompetenzen! – massiv verändert haben und die unsere Leser / User mit Freuden und ausgiebig brauchen. Statt diese Entwicklungen selber zu nutzen und journalistisch zu erschliessen, verweigern sich Medien und Journalisten zum Teil bis heute den Neuerungen. Oder fragen Sie mal einen Journalisten, warum seine Leser und User mehr Zeit auf Facebook verbringen, als dass sie sein Medium nutzen? Die Antwort wird sehr wahrscheinlich sein: «Keine Ahnung, ist nicht mein Business!»

Ist es doch. Denn – ich wiederhole mich: Wer, wenn nicht wir Journalisten können den Journalismus zukunftstauglich machen? Und deshalb wundert mich Röpers Antwort auf die Frage «Sind die Journalisten an der prekären Lage auch selbst mit schuld?» Er sagt:

«Sicher trägt der eine oder andere für seinen beruflichen Werdegang Verantwortung.»

Der eine oder andere! Sprechen wir hier nicht von Menschen, die sich als vierte Gewalt im Staat verstehen? Die anderen tagtäglich kritische Fragen stellen und ihnen ungefragt sagen, was sie falsch machen?

Und dieser Journalist darf sich also als Opfer sehen? Und bekommt von renommierter Seite sogar die Exitstrategie empfohlen. Das ist die totale Bankrotterklärung unseres Berufs.

Sicher nicht, Herr Röper!

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