Runter vom Holzweg!

Die Zukunft des Journalismus ist multimedial. Solange die Frage des Geldverdienens im Netz nicht geklärt ist, werden Verlage aber zurückhaltend bleiben. Das sollte Journalistinnen und Journalisten nicht davon abhalten, in ihre multimediale Zukunft zu investieren. Ganz im Gegenteil. Ein Plädoyer zum Lesen und Hören:

Was macht ein Unternehmen, wenn es etwas Neues entwickeln will? Genau! Es investiert und lässt die Forschungs- und Entwicklungsabteilung tüfteln. Genügt die neue Idee den Qualitätsansprüchen, wird sie auf den Markt gebracht.

Nur bei den Medien ist das nicht so. Medienhäuser leisten sich mit wenigen Ausnahmen wie etwa der NZZ mit ihrem «NZZ Labs» keine solchen Abteilungen. Ausprobieren darf jede Journalistin und jeder Journalist natürlich so viel er/sie will. Aber bitte nur, nachdem die eigentliche Arbeit gemacht worden ist. «Wir haben keine Ressourcen, weder Geld noch Zeit», bekomme ich von Verantwortlichen oft zu hören. Und als Entschuldigung wird dann nachgeschoben: «Wir verdienen unser Geld ja auch immer noch mit Print.»

Stimmt!

Noch.

Diese Haltung, davon bin ich überzeugt, ist der Anfang vom Ende. Ausgeblendet wird bei dieser auf die Produktionsbedingungen fokussierte Nabelschau die wahrscheinlich krasseste Veränderung der Medienlandschaft der vergangenen Jahre: Das Publikum nutzt immer öfter online multimediale Inhalte. Und es misst uns ausschliesslich am Output. Mit welchen Ressourcen dieser Output zustande kommt, interessiert die User nicht. Sind sie mit unserem bislang oftmals nur gepimpten Copy-Paste-Angebot nicht mehr zufrieden, sind sie weg. Die wenigen grossen Leuchtturm-Arbeiten wie etwa das «Platzspitz»-Dossier des Tages-Anzeigers reichen nicht, um das zu ändern. Alternativen gibt es genug – dem Internet und vor allem Social Media sei Dank.

Der Journalismus hat deshalb genau eine Chance: Er muss sein Publikum finden. Und er muss besser sein, als das, was es im Internet gratis gibt, sonst wird nie Geld fliessen. Damit der Journalismus sein Publikum finden kann, muss er kanalgerecht sein. Für die rasant wachsenden digitalen Kanäle gibt erst wenige Formate. Noch immer wird der Grossteil der Inhalte aus einem anderen Kanal kopiert und – wenn überhaupt–, dann nur wenig angepasst.

Damit sind wir wieder am Anfang von diesem Text, beim «keine Ressourcen»-Argument.

Dieser Teufelskreis wird so lange nicht durchbrochen, solange Medienhäuser Multimedia als laufende Kosten und nicht als Investition betrachten. Es sind nicht aber nur die Medienhäuser, die sich schwer tun. Ich bin immer wieder erstaunt, wie Journalistinnen und Journalisten, die doch eigentlich die Lobby des guten Journalismus sein sollten, diese Argumentation übernehmen. Und mich befremdet, mit wie viel Häme Kolleginnen und Kollegen eingedeckt werden, die etwas ausprobieren: Aufwand und Ertrag standen bei der ersten Multimedia-Reportage in keinem Verhältnis! Das erste Video genügt den (zurecht!) höchsten Anforderungen nicht! Was ich mich dann jeweils frage: Hat schon jemand mit seinem Erstlingswerk den Zürcher Journalistenpreis gewonnen? Glauben diese Kritiker wirklich, dass sie in fünf Jahren alle noch als Festangestellte lange Artikel für Printzeitungen schreiben werden?

Die Zukunft des Journalismus ist multimedial. Guter multimedialer Journalismus fällt nicht vom Himmel. Er muss erfunden werden. Und zwar von uns Journalistinnen und Journalisten. Wer soll es sonst tun? Klar kann man von anderen abschauen. Aber Copy-Paste funktioniert auch für Formate nur selten, sie müssen auf die eigene Marke und auf das Publikum angepasst werden.

Multimedia ist also kein Selbstzweck, sondern Mittel zum Zweck. Nicht nur für die Medien, die ihr Publikum besser erreichen. Sondern auch für Journalistinnen und Journalisten, die Dank Multimedia auch in Zukunft Arbeit haben werden.

 

Dieser Text ist ursprünglich in «Syndicom – die Zeitung» erschienen.

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