(Neue) Kompetenzen für die Zukunft

Der Journalismus der Zukunft braucht neue Kompetenzen. Die Tartu-Deklaration von 2006, auf die sich Journalistenausbildung in Europa weitgehend stützt, umfasst 50 auf den journalistischen Alltag konzentrierte Kompetenzen. Diese werden durch die Veränderungen im Umfeld nicht obsolet sondern bleiben zentral. Aber sie müssen um strategische Kompetenzen erweitert werden, weil auch Journalistinnen und Journalisten in der Lage sein müssen, die Zukunft des Berufes mitzugestalten. Ein Vorschlag, wie dies aussehen könnte.

Die Tartu-Deklaration enthält auf den journalistischen Alltag konzentrierte Kompetenzen. Diese werden durch die Veränderungen im Umfeld nicht obsolet sondern bleiben zentral. Aber sie müssen um strategische Kompetenzen erweitert werden, weil auch Journalistinnen und Journalisten in der Lage sein müssen, die Zukunft des Berufes mitzugestalten.

Als Antwort auf die Herausforderungen (ausführliche Herleitung) habe ich die Tartu-Deklaration erweitert:

1.) Die in der ursprünglichen Version (hier in englischer Sprache) in 10 Kategorien eingeteilte Deklaration habe ich um einzelne Kompetenzen ergänzt (meine Ergänzungen auf Deutsch, mit * gekennzeichnet).

2.) Ich habe zusätzlich zur ursprünglichen Version (in englischer Sprache) 5 neue Kategorien dazugefügt (meine Ergänzungen auf Deutsch, mit ** gekennzeichnet).

1. The competence to reflect on the societal role of and developments within journalism

  • Have a commitment to your society/community/audience and knowledge of societal developments.
  • Have insight in the role and influence of journalism in modern society.
  • Be able to develop a grounded point of view on the most important developments within journalism.
  • Have an understanding of the values that underlie your professional choices.
  • Be able to make grounded choices concerning your own development as a journalist.
  • Know the practical aspects of being a freelancer / entrepreneur (hierzu gehört auch *reflektiert die Entwicklung auch in Bezug auf die persönliche Ebene und ist in der Lage, berufliche Alter- nativen zu finden).

Weil die erste Kompetenzgruppe sich ganz spezifisch auf die Innensicht bezieht («within journalism»), wird die fehlende Sicht von aussen folgendermassen ergänzt (als eigene Kategorie, um die Wichtigkeit zu unterstreichen):

**2. Die Kompetenz, Entwicklungen zu reflektieren, die von ausserhalb wirken

  • *Steht Neuerungen grundsätzlich offen, aber auch kritisch gegenüber.
  • *Interessiert sich für die allgemeine technologische Entwicklung im Bereich der Medien und für die sich daraus eröffnenden Möglichkeiten (der Produktion und Nutzung).
  • *Ist sich bewusst, dass nicht alles, was technisch möglich ist, journalistisch auch Sinn macht und allenfalls auch ethisch problematisch sein kann.
  • *Interessiert sich für die Entwicklung des Nutzerverhaltens und für die sich dadurch verändern- den Bedingungen in der Medienlandschaft.
  • *Versteht, dass nicht alles, was der User, die Leserin will, journalistisch auch Sinn macht und allenfalls ethisch problematisch sein kann.
  • *Interessiert sich für die (generelle) wirtschaftliche Entwicklung und die daraus entstehenden (konkreten) Sachzwänge wie z. B. steigender Einfluss von PR und hat eine Meinung dazu.
  • *Ist sich bewusst, dass wirtschaftlich motivierte Veränderungen journalistisch nicht unbedingt Sinn machen und allenfalls sogar ethisch problematisch sein können.

Die in der nächsten Gruppen gemachten Ergänzungen betreffen vor allem Kompetenzen zum Wissen über Nutzerinnen und Nutzer:

3. The competence to find relevant and newsworthy issues and angles, given the audience and production aims of a certain medium or different media

  • Have the knowledge of current events and be able to analyse if a subject is both interesting and 
newsworthy enough.
  • Know the possibilities of the medium or media you are working for, in order to determine whet- her or not the subject/angle is suitable.
  • Know your audience well and be able to determine the relevance of a subject or angle for that audience.
  • *Nimmt seinen User, seine Userin ernst.
  • *Kennt das aktuelle Mediennutzungsverhalten des (potenziellen) Zielpublikums (weiss, was 
seine Nutzerinnen und Nutzer wann wie wollen).
  • *Weiss, mit welchen Geräten und Anwendungen die Nutzerinnen und Nutzer auf die Inhalte zugreifen.
  • *Kennt und kann Tools nutzen, die Aufschluss geben über Vorlieben von Nutzerinnen und Nutzern.
  • *Lässt das Wissen über die unterschiedlichen Nutzungsarten in die Erstellung von Inhalten mit einfliessen.
  • *Ist in der Lage, die Veränderungen des Nutzerverhaltens und die Auswirkungen auf den Journa- lismus / das eigene Produkt zu erkennen.

Die einzige Ergänzung in der nächsten Kategorie trägt der Tatsache Rechnung, dass zwar die meisten Medienschaffenden in der Lage sind, ihre Arbeit auch längerfristig und team- oder redaktionsübergreifend zu planen. Das Problem liegt nicht beim mangelnden Können, sondern beim Wollen. Sie sehen oftmals den Sinn nicht ein und/oder scheuen den Aufwand.

4. The competence to organise and plan journalistic work

  • *Sieht den Sinn einer Planung ein und führt eine Planung.
  • Be able to make a realistic work plan.
  • Be able to work under time pressure.
  • Be able to adjust to unforeseen situations.

Die Ergänzung in der folgenden Kompetenzgruppe ist deshalb notwendig, weil zwar viele Journalistinnen und Journalisten Tools nutzen, sie aber mangels Detailkenntnisse nicht effizient anwenden.

5. The competence to gather information swiftly, using customary newsgathering techniques and methods of research

  • Have a good general knowledge and societal insight, especially in economics, politics and socio- 
cultural issues.
  • Know all required sources, including human sources, reference books, databases, news agen- cies, the internet.
  • *Weiss die neuen Recherche-, Kommunikations- und Produktions-Tools (Hard-/Software) effizient zu nutzen.
  • Know how to use your sources and your own observation effectively and efficiently.
  • Have the will and ability to balance your stories by using methods such as check/double-check and balancing systematically.

Die Kompetenz, mit dem Publikum zu interagieren oder nicht journalistische Inhalte erschliessen zu können, ist – wie weiter oben dargelegt – wichtig. Deshalb wird ihr ein eigener Punkt gewidmet:


**6. Die Kompetenz, mit dem Publikum zu interagieren

  • Be able to analyse public opinion and to stimulate debate.
  • Have the will and ability to interact with your public indifferent ways, personally as well as with the aid of (new) media.
  • *Weiss, welche Geräte und Anwendungen (Hard- und Software) das Zielpublikum nutzt.
  • *Weiss Inhalte von Nicht-Journalistinnen und –Journalisten (weiter) zu erschliessen und (weiter) 
zu nutzen.
  • *Kann mit Userinnen und Usern kommunizieren (insb. ihre Meinungen moderieren sowie User Generated Content erschliessen).
  • *Ist sich bewusst, dass die Vermischung von Privatem und Journalistischem heikel sein kann.
  • *Ist sich der Grenzen von User Generated Content bewusst.

Zwar werden die meisten Inhalte trotz weltweiter Verfügbarkeit nur lokal/national genutzt. Doch es wird in Zukunft immer einfacher werden, von überall auf der Welt auf Inhalte zurückzugreifen, was eine weitere Ergänzung nötig macht:

7. The competence to select the essential information

  • Be able to distinguish between main and side issues.
  • Be able to select information on the basis of correctness, accuracy, reliability and completeness.
  • Be able to interpret the selected information and analyse it within a relevant (historical) framework.
  • Be able to select information in accordance with the requirements of the product and medium.
  • Be aware of the impact of your information on sources, the public and the public debate.
  • *Kann einschätzen, dass die Publikation aufgrund potenziell weltweiter Verbreitung ausserhalb der Zielgruppe eine andere Wirkung haben kann.

Die folgende Gruppe konzentriert sich auf inhaltliche/formale Rahmenbedingungen eines Mediums. Immer öfter aber haben Medien verschiedene Kanäle (z. B. Print und Online), die immer häufiger von den selben Personen beliefert werden. Dieser Entwicklung tragen zwei Ergänzungen Rechnung:

8. The competence to structure information in ajournalistic manner

  • Be able to use different types of structuring.
  • Be able to fine-tune content and form.
  • Be able to structure in accordance with the requirements of the product and medium.
  • *Kennt die journalistischen Stärken und Schwächen der Kanäle und weiss, welcher Kanal sich für welchen Aspekt des Inhalts eignet.
  • *Kann Inhalte kanalspezifisch aufarbeiten (inkl. Metadaten etc.).
  • Be able to structure on the basis of relevance.
  • Be able to structure on the basis of alternative storytelling techniques.

Die Kompetenz, Informationen zu präsentieren, ist nicht mehr nur auf passende Sprache und angebrachte journalistische Form beschränkt. Es gehören immer mehr auch Kenntnisse technischer Anforderungen dazu, wie sie die einzige Ergänzung in der folgenden Gruppe beschreibt:

9. The competence to present information in appropriate language and an effective journalistic form

  • Have an outstanding linguistic competence, oral as well as written.
  • Be able to make information visual, for example in the form of images or graphics, and to present it in all kinds of combinations of words, sounds and images.
  • Master the most important genres, including their style-techniques and basics of layout.
  • Be able to work with relevant technical equipment and software.
  • Be able to cooperate with technicians and know the possibilities of their instruments.
  • Kennt die spezifischen technischen Anforderungen, die die einzelnen Publikationskanäle stellen.

Technologie muss viel weiter gefasst werden als nur als Hilfsmittel für die Erstellung von Inhalten. Diese Forderung erfüllen die folgenden Ergänzungen, die als eigene Gruppe präsentiert werden:

**10. Die Kompetenz, technologische Neuerungen für den Journalismus nutzbar zu machen

  • *Kennt die aktuellen technischen Trends sowie Anwendungen, die journalistisch eine Rolle spie- 
len (könnten).
  • *Ist in der Lage, das Potenzial technologischer Entwicklungen (insb. auch die Verknüpfbarkeit) für den Journalismus zu erkennen.
  • *Akzeptiert, dass Aufgabenfelder und Prozesse sich aufgrund technologischer Entwicklungen verändern.

Die erste Ergänzung in der folgenden Gruppe bekräftigt die Einsicht, dass digitale Kanäle genauso Medienprodukte sind wie z. B. Print. Die zweite verstärkt die darüberstehende Aussage dahingehend, dass der Journalist, die Journalistin nicht nur in der Lage ist, Verantwortung zu übernehmen, sondern auch gewillt ist und es tut.

11.The competence to evaluate and account for journalistic work

  • Have a clear image of the required quality of journalistic products.
  • *Lässt bei schnellen digitalen Kanälen genau die gleiche Sorgfaltspflicht walten wie z. B. beim Print.
  • Be able to give a critical and comprehensible review of your own work and that of others on the basis of that clear image.
  • Be able and willing to critically reflect on and take criticism of your work.
  • Be able to explain and take responsibility for the choices you made with regard to sources, approach and execution.
  • Be able to take responsibility for product as well as process on the basis of ethical standards.
  • *Fühlt sich für sein/ihr Produkt (mit-)verantwortlich.

Die ersten zwei Ergänzungen in der Gruppe unten machen deutlich, dass für eine gute Zusammenarbeit in einem Team Empathie nicht reicht, sondern dass auch ein inhaltliches Grundverständnis sowie ein Verständnis der Umstände wichtig sind. Die dritte Ergänzung weitet den darüberstehenden Punkt weiter aus. «Dedication and initiative» bezieht sich vor allem auf die eigenen Aufgaben, die Ergänzung meint hingegen auch den grösseren Rahmen. Die letzten beiden Zusätze zielen auf die Tatsache ab, dass die Gesellschaft immer durchmischter wird und dass sich das auch in Redaktionen (oder z. B. in der Zusammenarbeit mit ausländischen Partnern) auswirken wird.

12. The competence to cooperate in a team or editorial setting

  • Have good social skills.
  • *Kann, weil er/sie das nötige Grundverständnis für die verschiedenen Bereiche der Medienproduktion (v.a. Finanzen und Technik) mitbringt, mit allen Beteiligten klar kommunizieren.
  • *Ist in der Lage, sich in die Positionen (Sachzwänge) der anderen Projektteam-Mitglieder einzudenken.
  • Be reliable.
  • Show dedication and initiative.
  • *Will mitreden und kann konstruktiv mitarbeiten.
  • Have insight in your strengths and weaknesses.
  • Have feeling for (hierarchical, democratic) relations.
  • *Findet sich im multi- und interkulturellen Kontext zurecht.
  • *Kann Fremdsprachen.

Die folgende Kompetenzgruppe umfasst in der Tartu-Deklaration verschiedene im weitesten Sinn wirtschaftliche Kompetenzen. Das Feld ist allerdings sehr breit, sodass eine Neugruppierung Sinn macht. Hinter der ersten Kompetenz dieser Gruppe sind zwei deckungsgleiche aus meiner Liste angehängt:

13.The competence to work in a professional media-organisation

  • Be able to evaluate the strategic options and editorial policy of a media-organisation (*hat eine klare Vorstellung über die publizistische Ausrichtung des Mediums; *verfügt über klare Kriterien zur Bewertung sowohl der Ausrichtung des Mediums als auch von Inhalten).
  • Know your rights and obligations and be able to critically evaluate your working conditions.

Wirtschaftlichen Einflüssen widme ich ebenfalls eine eigene Gruppe. Sie wirken auf drei Ebenen, der Makro-, der Meso- und der Mikro-Ebene:

**14 Die Kompetenz, mit sich verändernden wirtschaftlichen Rahmenbedingungen umzugehen

  • Have knowledge about objectives, financial and market conditions, organisational structures and processes in media organisations.
  • *Ist in der Lage, die Auswirkungen der wirtschaftlichen Entwicklung auf den Journalismus / das eigene Produkt zu erkennen.
  • *Kennt die (betriebs-)wirtschaftlichen Zusammenhänge und die Situation des eigenen Mediums.
  • *Denkt unternehmerisch und übernimmt Verantwortung.
  • *Kennt die Instrumente des redaktionellen Marketings.
  • *Reflektiert und kennt die Grenzen von Eingriffen in die Unabhängigkeit redaktioneller Inhalte (z. B. durch redaktionelles Marketing und Einfluss von Sponsoring und PR).

Auch Kompetenzen, die mit Innovationen zu tun haben, werden aufgrund ihrer Wichtigkeit zu einer eigenen Gruppe:

**15. Die Kompetenz, innovativ zu sein

  • Be creative and innovative and able to present your ideas.
  • *Kann kreativ denken und Alternativen entwickeln.
  • *Kennt die Organisation und Prozesse so gut, dass sie/er praktikable Lösungen erarbeiten kann.
  • *Kennt die Organisation und kann Input an die richtige Stelle weiterleiten.
  • *Kann erkennen, was funktioniert, darüber reflektieren, was richtig/falsch gelaufen ist und kann aus Fehlern lernen.
  • *Verfügt über ein gewisses Frustrationspotenzial.

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